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Xūšhāl Xān Xaťťak (1613 - 1689)
Ein biographischer Abriss

 

Xūšhāl Xān entstammte den paštūnischen Verband der Xaťťak. Dieser Verband war, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus den Distrikt Kōhat kommend, dem Urgroßvater Xūšhāls, Malik Akōřay, in das Gebiet zwischen Nawšehra und Atok gefolgt. Dort begründete Malik Akōřay die Siedlung Akōřa und erhielt im Jahre 1586 vom Moghul-Kaiser Akbar den Auftrag, den Handelsweg zwischen Atok und Peschawar zu überwachen.[1] Gleichzeitig erhielt Malik Akōřay das Recht zugesprochen, Wegezoll auf „seiner“ Route zu erheben.[2] Dieses Privileg wurde nach seinem Tode weiterhin seinen Nachfolgern, die insgesamt gute Beziehungen zum Hofe der Moghuln unterhielten, zugesprochen.

Xūšhāl Xān Xaťťak, Sohn des Šāhbāz Xān Xaťťak[3], wurde im Monat Rabīcas-sānī des Jahres 1022 des islamischen Mondkalenders (entspricht 21. Mai bis 18. Juni 1613) geboren.[4] Er erhielt eine umfangreiche Ausbildung, die unter anderem Persisch und Arabisch, Theologie, islamisches Recht, Philosophie, Medizin und Poetik umfasste.[5] Sein besonderes Interesse galt dabei der Dichtkunst, und es heißt, daß er Sacdi sehr verehrte.[6] Bereits als sechzehnjähriger Jugendlicher soll Xūšhāl Xān damit begonnen haben, eigene Verse zu schreiben.[7] Das Leben des Xūšhāl Xān Xaťťak, der von Zeitgenossen und Nachfahren oft zärtlich-respektvoll Xūšhāl-bābā (Väterchen Xūšhāl) genannt wurde, kann zeitlich in drei größere Perioden gefasst werden[8], jeweils abhängig vom Stand der Beziehungen zwischen ihm und seinem Stamm zu den Moghuln.

Die erste Periode umfasst Xūšhāls Antritt der Nachfolge seines Vaters als Stammesführer der Xaťťak nach dem Tode von Šāhbāz und die loyale Gefolgschaft zu Šāh Ğāhān bis zum Machtantritt Aurangzebs 1658. Šāhbāz war in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit den ebenfalls paštūnischen Yussufzī im Jahre 1641[9] ums Leben gekommen. Xūšhāl Xān wurde nach dem Tode seines Vaters von den Xaťťak zum Oberhaupt des Stammes gewählt.[10] In der Folgezeit spielt Xūšhāl eine führende Rolle in den bewaffneten Stammesauseinandersetzungen zwischen den Xaťťak und den Yussufzī.[11] Es handelt sich dabei vor allem um wirtschaftliche und politische Konflikte, entstanden infolge der Konkurrenz um territoriale Nutzungsrechte, Zolleinkünfte, um Streitigkeiten im Zusammenhang mit den Beziehungen einzelner paštūnischen Stämme zu den Moghuln etc. Xūšhāl Xān befasst sich mit der Erstellung eines Flurbuches (Katasters). Er setzt sich für die Beendigung der regelmäßigen Umverteilungen landwirtschaftlicher Flächen unter den Stammesmitgliedern (š) ein und ordnet das Anlegen eines die Bodennutzungsrechte fixierenden Registers an.[12] Weiterhin nimmt Xūšhāl, von Šāh Ğāhān in seinem Amt als gewähltes Stammesoberhaupt bestätigt, als Gefolgsmann an dessen Feldzügen unter anderem nach Balx und Badaxšān teil.[13]

Eine zweite Periode umfasst die Verschlechterung der Beziehungen zu den Moghuln nach dem Machtantritt Aurangzebs und die Haft- und Arrestzeit Xūšhāl Xāns bis zu seiner Rückkehr in das paštūnische Stammesgebiet (etwa 1660 bis 1668). Die Verschlechterung der Beziehungen zum indischen Moghulherrscher wird vor allem nach 1661 mit der Ernennung Sayid Amīrs zum Statthalter in Peschawar sowie im Zusammenhang mit den von Aurangzeb angestrebten Änderungen des Reglements der Steuererhebungen immer deutlicher. Diese Änderungen betrafen in starkem Maße auch die Xaťťak (namentlich die Abschaffung der Fährzölle bei Atok am Indus).[14] Xūšhāls Opposition gegen Aurangzeb ist also nicht zuletzt auch wirtschaftlich begründet. Hinzu kommt, daß schon allein der Versuch Aurangzebs bzw. eines seiner Statthalter, einen solch charismatischen Stammesführer wie Xūšhāl Xan in seinen (von diesem als solchen verstandenen) Rechten einzuschränken, von Xūšhāl als Ehrbeschneidung aufgefasst wird. Sie ist ein weiteres Motiv des Widerstandes Xūšhāls gegen die Moghuln.

Xūšhāl Xān wird im April 1664 in Peschawar verhaftet und schließlich in Ketten nach Delhi verbracht und eingekerkert.[15] Während der Festungshaft entsteht das ethisch-didaktische Lehrwerk Dastār-nāma ("Turban-Buch") (1665). Nach etwa vier Jahren Festungshaft und Hausarrest in Indien kann Xūšhāl 1668[16] in seine Heimat zurückkehren. Er ist nunmehr Todfeind Aurangzebs und führend am bewaffneten Widerstand der Paštūnen gegen die Moghuln beteiligt.[17] Im Jahre 1668 entsteht das in seiner Thematik an das Dastār-nāma anknüpfende Fazl-nāma.[18]

Eine dritte Periode im Leben Xūšhāl Xāns umfasst schließlich die siebziger und achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts in denen er aktiv an der Spitze paštūnischer Stammeskrieger gegen die Moghuln auftritt. 1674 verzichtet er auf seinen Posten als Oberhaupt der Xaťťak, „proclaiming himself as a rebel and out-law[19]. Sein ältester Sohn Ašraf übernimmt die Stammesführung.[20]

Im selben Jahr entsteht mit dem Bāz-nāma ("Falken-Buch") ein Lehrwerk über die Beizjagd, eine der Leidenschaften Xūšhāl Xāns.[21] Die folgenden Jahre werden zu teilweise entbehrungsreichen Wanderjahren innerhalb der paštūnischen Stammesgebiete, beispielsweise nach Swāt, wo er sich von Juli 1675 bis Februar 1676 aufhält.[22] Bald darauf entsteht das Swāt-nāma. Xūšhāl wirbt um Unterstützung für den Kampf gegen die Moghuln. Er sucht dabei bewusst auch den Kontakt zu seinen ehemaligen Gegnern bei anderen paštūnischen Stämmen. Dies belegen seine mehrfachen, ergebnislos gebliebenen Versuche, die Stammesführung der Yussufzī zu gemeinsamem Handeln gegen das indische Kaiserhaus zu bewegen.[23] He personally went from tribe to tribe, and by negotiations as well as his charming poetry tried to infuse something of his own burning soul into his countrymen. The diplomacy and gold of Aurangzeb, however, were too powerful for him and he was finally compelled to retire in the Afridi country, where he died at the age of 78.[24] Über das Sterbedatum Xūšhāl Xāns besteht Unklarheit.[25] Einige von mir zu Hilfe genommenen Quellen nennen als das Todesjahr Xūšhāl Xāns das Jahr 1689.[26]

Wenngleich Xūšhāl Xān Xaťťak zu Lebzeiten nicht unumstritten war, was im wesentlichen das zwiespältige Verhältnis der Stammesführung der Xaťťak zum Hause der Großmoghuln und die daraus resultierenden Differenzen zwischen den einzelnen paštūnischen Stämmen betrifft, zählt er wohl doch mit Recht zu den bedeutendsten Gestalten der Geschichte der Paštūnen im 17. Jahrhundert. Sein dichterisches Gesamtwerk[27] und seine Verdienste um die Weiterentwicklung des Paštō machten ihn zu einem der wichtigsten Schriftsteller, die das Volk der Paštūnen bisher hervorbrachte. Auch gilt er als der erste Paštō-Dichter, der in seinem Widerstand gegen die indischen Moghuln in den einzelnen, vielfach zersplitterten paštūnischen Stämmen ein einheitliches afghanisches Volk sah.

Xūšhāl Xān Xaťťaks schriftstellerischer und kriegerischer Ruhm ist bis in die Gegenwart hinein ungebrochen: noch heute ist die achtungsvolle Redewendung dэ tūrē aw dэ qalām xāwэnd - der Meister des Schwertes und der Feder in Gebrauch, wenn von Xūšhāl Xān Xaťťak, dem Stammesführer und Dichter gesprochen wird.[28]


 

Quellen:

 

[1] Howell; Caroe 1988:2.

[2] Ebenda. Masson; Romodin 1965:49.

[3] Zur Genealogie der Familie Xūšhāl Xāns s. die von Kušev u. a. aus den Dastār-nāma bereits veröffentlichten Angaben. 1995:451 f.

[4] Masson; Romodin 1965:49.

[5] Ulug-Zade 1962:118.

[6] Merganov 1963:71.

[7] Ulug-Zade 1962:119.

[8] Kušev 1989:42.

[9] Masson; Romodin 1965:49. Caroe 1992:221, 231. - Etwas unverständlich erscheint mir die Angabe des Jahres 1640 in Howell; Caroe (1988:3), wo Caroe doch in seinem o. g. Werk eine andere Aussage trifft. Morgenstierne (1960:50), nennt ebenfalls 1640 als Todesjahr des Šāhbāz.

[10] Morgenstierne 1960:50.

[11] Vgl. Caroe 1992:231 ff.

[12] Masson; Romodin 1965:50 f. Aslanov 1955:131.

[13] Masson; Romodin 1965:50.

[14] Caroe 1992:232 f.

[15] Masson; Romodin 1965:51; Caroe 1992:233.

[16] Farhadi (1978:72) nennt das Jahr 1669 als Datum der Rückkehr Xūšhāls aus der Gefangenschaft.

[17] Ebenda.

[18] Kušev 1980:57.

[19] Howell; Caroe 1988:7.

[20] Ebenda.

[21] Masson; Romodin 1965:68.

[22] Kušev 1995:451, Fußnote 3.

[23] Masson; Romodin 1965:58.

[24] Iqbal 1928:485.

[25] Vgl. Bečka 1966:465, wo „1613 - 1690?“ genannt wird und Dvoryankov 1962:103, wo 1691 als Sterbejahr mitgeteilt wird.

[26] Z. B. Lorenz 1995:101; Morgenstierne 1975:4.

[27] Xūšhāl Xān soll etwa 360 Werke verfasst haben (Ulug-Zade 1962:118). Diese Zahl erscheint mir nur schwer vorstellbar. Wahrscheinlich entsprang sie dem Bemühen, die Bedeutung des Schaffens von Xūšhāl besonders zu unterstreichen und ihn gegenüber anderen Autoren hervorzuheben. Bislang sind uns zwölf Werke Xūšhāl Xāns bekannt (Sulemankhel 1992:7).

[28] Für ausführlichere biographische Angaben über Xūšhāl Xān s. u. a. Masson; Romodin 1965:48 ff.; Caroe 1992:221 ff.; Morgenstierne 1960:49 ff.; Żafar Kākāxēl o. J..:599 ff.; Kušev 1989:41 f.

 

Literatur

Aslanov, M. G. (1955):

Narodnoe dviženie rošani i ego otraženie v afganskoj literature. XVI-XVII vv.
IN: Sovetskoe vostokovedenie, Nr. 5; pp. 121-132.

Bečka, J. (1966):

Poems from the Divan of Khushal Khan Khattak. Translated from the Pashto by D. N. Mackenzie. Reviewed by Jiři Bečka.
IN: Archiv orientální, vol. 34; pp. 465-466.

Caroe, O. (1992):

The Pathans, 550 B. C. – A. D. 1957 : with an epilogue on Russia. 8th impr. Karachi.

Farhadi, R. (1978):

Khushhāl Khān Khatak.
IN: Enciclopedia of Islam, new ed., vol. IV, Leiden; p. 72.

Howell, E.; Caroe, O. (1988):

The poems of Khushhal Khan Khatak. 2nd ed. Peshawar.

Iqbal, M. (1928):

Khushhal Khan Khattak : the Afghan warrior-poet.
IN: Islamic Culture, vol. 2; pp. 485-494.

Kušev, V. V. (1989):

Poėma Xušxal’-xana Xattaka ‚Swat-nama’ kak avtobiografičeskij istočnik.
IN: Pis’mennye pamjatniki i problemy istorii kul’tury narodov Vostoka : XXII godčinaja sessija Leningradskogo otdelenija Instituta vostokovednija Akademii nauk, čast’ II; p. 450-492.

Kušev, V. V. (1995):

Novye svedenija o xattakax i jusufzajax v sočinenijax Xušxal’-xana Xattaka, Afzal’-xana Xattaka i Axunda Darvezy.
IN: Peterburgskoe vostokovedenie, vypusk 7; pp. 450-492.

Lorenz, M. (1995):

Der afghanische Dichter Chushhāl Chān Chattak über das Schachspiel.
IN: Křikavová, A.; Hřebìček, L. (eds.): Ex oriente : collected papers in honour of Jiři Bečka, Prague; p. 101-104.

Masson, V. M.; Romodin, V. A. (1965):

Istorija Afganistana, tom 2: Afganistan v novoe vremja.

Merganov, S. (1963):

Čand suxan dar borai kitobi Ma“sumai IsmatīXušholxon Xattak kist?’.
IN: Izvestija Akademii nauk Tadžikskoj SSR, vol. 4(35); pp. 71-74.

Morgenstierne, G. (1960):

Khushhal Khan : the national poet of the Afghans.
IN: Journal of the Royal Central Asia Society, vol. 47, pt. 1; pp. 49-57.

Sulemankhel, N. (1992):

Zur Motivgestaltung und –entwicklung in den Kurzgeschichten und Erzählungen des Pašto (1900-1978). Humboldt-Universität zu Berlin, Dissertation.

Ulug-Zade, N. (1962):

Kniga o Xušxal’-xana Xattake.
IN: Guliston literaturno-obščestvenno-političeskij žurnalorgan sojuza pisatelej Tadžikistana, No. 4; pp. 118-121.

Żafar Kākāxēl, S. B. Š (o. J.):

Paštānэ dэ tarīxraňa kšī. šawur.

  

 

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